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Hallo allerseits,

eine sehr interessante Diskussion, die meine eigenen, begrenzten Erfahrungen mit den Hochauflösungsfilmen gut ergänzt. Dafür möchte ich den Beteiligten, insbesondere Henning, ausdrücklich danken!

Ich stolpere leider dabei immer über den Punkt, den Jörg bereits ansprach: Man deckt schonungslos die Schwächen der Objektive auf. Für mich bestand dann meist die einfachere Lösung darin, mehr zu schleppen und die Kamera mit dem nächstgrößeren Format und Standardmaterial zu benutzen.

Viele Grüße

Stefan
Hallo Stefan,

die Diskussion über die Qualität der Objektive im Zusammenhang mit Hochauflösungsfilmen kommt immer wieder mal auf. Und es ist sehr lohnenswert, sich damit ein bißchen detaillierter zu befassen.
Da wir Hochauflösungsfilme in Verbindung mit verschiedenen Objektiven unterschiedlicher Qualität verwendet und getestet hatten und ich in der täglichen fotografischen Praxis diese Filme nicht nur mit meinen "Edelscherben", sondern allen meinen Objektiven einsetze, möchte ich mal kurz meine Erfahrungen schildern.

Ich höre häufig die Aussage "Für mich lohnen sich höher auflösende Filme nicht, weil meine Objektive nicht gut genug sind und die Objektive die Leistung so stark limitieren, dass mir höher auflösende Filme keinen Vorteil bringen".
Es herrscht seit langer Zeit in Fotografenkreisen die Vorstellung vor, dass in einem optischen Abbildungssystem ein Glied der Kette immer ein absolut starr begrenzender Faktor wäre.
Mal als Beispiel, nur zur Verdeutlichung, die plakative Aussage "mein Objektiv kann doch eh nur 100 Lp/mm auflösen, ein Film mit 200 Lp/mm oder 400 Lp/mm macht doch da überhaupt keinen Sinn".
Erscheint auf den ersten Blick stimmig, hat aber mit der physikalischen Realität überhaupt nichts zu tun. Zum Glück ;-).

Die Leistung einer optischen Abbildungskette folgt prinzipiell der folgenden Gestzmäßigkeit:

1/Gesamtauflösung = 1/Objektivauflösung + 1/Filmauflösung

Das ist jetzt nur mal vereinfacht auf unser Beispiel bezogen, Objektiv + Film (mit dieser Formel kann man jetzt nicht z.B. exakt auf einige Lp/mm genau Auflösungen berechnen, aber der grundsätzliche Zusammenhang gilt, und das ist entscheidend für unsere Betrachtung).

Was man bei dieser einfachen Gleichung auf den ersten Blick sieht ist, dass wenn ich einen Parameter fix setze (egal in welcher Höhe), und den anderen erhöhe, steigt die Leistung meines Gesamtsystems. Und vice versa.
Setze ich also (wie gesagt, ganz willkürliches Beispiel) die Objektivleistung mit nur 100 Lp/mm an, und die Filmleistung zunächst auch nur mit 100 Lp/mm, dann aber zum Vergleich auch einmal die Filmleistung mit 200 oder 300 Lp/mm, bekomme ich trotz der unveränderten Objektivleistung eine höhere Leistung des Gesamtsystems.
Die Objektivleistung ist also nicht begrenzend für das Gesamtsystem.
Umgekehrt kann ich natürlich auch die Filmleistung fix setzen und die Objektivleistung variieren, funktioniert genauso.

Dieser theoretisch-physikalische Zusammenhang lässt sich in der Praxis genau so exakt beobachten:
Nehme ich ein mittelmäßiges Objektiv und einen FP4+ beispielsweise, und vergleiche die Aufnahme mit gleichem Objektiv mit einem Delta 100, wird die Aufnahme mit dem Delta 100 eine bessere Detailwiedergabe (höhere Auflösung und Schärfe haben). Nehme ich zum Vergleich mit gleicher Optik noch einen Hochauflösungsfilm, wird der wiederum eine bessere Detailwiedergabe als der Delta 100 haben.

Ein besserer Film bei gleicher Optik bringt eine besseres Systemergebnis.
Eine bessere Optik bei gleichem Film bringt ebenfalls ein besseres Systemergebnis.
Ein besserer Film und ein besseres Objektiv.....Träume werden wahr ;-)).

Da waren unsere Ergebnisse eindeutig. Ist ja letztendlich alles überhaupt nichts neues. Jeder, der von einem Plus-X, FP4+ etc. zu einem TMX, Delta, Acros gewechselt ist, hat diese Erfahrung gemacht. Denn wenn die Leute die höher auflösenden Filme ausprobiert haben, haben sie schließlich in 99% der Fälle ihre alten Objektive weiterverwendet. Und der gleiche Zusammenhang gilt natürlich auch, wenn ein TMX + Co. durch einen noch besser auflösenden Film ersetzt wird.

Von einem hochauflösenden Film profitiere ich also auch mit "normalen" Objektiven. Man braucht nicht unbedingt Leica oder Zeiss Edeloptiken. Dass unabhängig von der Auflösung, Schärfe, dem Mikrokontrast natürlich die Feinkörnigkeit, Filmsensibilisierung, Dynamikumfang etc. beim Hochauflösungsfilm auch bei einer schlechteren Optik unabhängig erhalten bleibt, darf man auch nicht vergessen.

Stefan, Du bist doch meiner Erinnerung nach im KB mit Nikon unterwegs. Ich auch überwiegend. Da kann ich aus meiner Erfahrung heraus sagen, dass man mit einem AI-S 2,8/28, einem AI-S 1,8/50, einem AI-S 2,5 /105, einem AF-D 1,8/50 und einem AF-D 1,8/85 hervorragende Ergebnisse in Verbindung mit Hochauflösungsfilmen erzielen kann. Sichtbar bessere als mit Standardfilmen.
Und das sind/waren nun alles keine teuren Objektive im Nikon Programm.

Das man diese Ergebnisse dann mit einem exzellenten Objektiv nochmals deutlich toppen kann, insbesondere weiter aufgeblendet und im Randbereich, weiß ich spätestens seit ich das ZF 2/50 habe ;-)). Das ist wirklich eine traumhaft gute Linse.

Aber das Schöne ist ja auch, dass sich diese Optik-Träme heutzutage leichter erfüllen lassen als früher. Mir ist noch gut in Erinnerung, wie ich mir früher als Schüler oder Student am Schaufenster die Nase platt gedrückt habe mit Blick auf Zeiss und Leica...;-)). Aber aufgrund der sehr hohen Preise unerreichbar.
Nun, Leica R ist ja mittlerweile gebraucht sehr erschwinglich geworden, Leica M eigentlich ebenfalls, auch für den Otto Normalfotografen. Und das Zeiss zusätzlich zu ZM jetzt auch für Nikon, Canon und Pentax Objektive anbietet (zwar teurer als die Original Hersteller, aber moderat und nicht "jenseits von gut und böse") ist doch phantastisch.
Meine Nikon-Gehäuse mit Zeiss-Optik, davon hätte ich früher nicht mal zu träumen gewagt.

Also, was das Thema anbelangt, haben wir es heute sehr viel besser als früher. Let's enjoy it.

Beste Grüße,
Henning